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Dag Frommhold

Appell für die Anti-Jagd-Demo in Berlin

„Blut hat eine orgiastische Kraft sondergleichen, wenn es überströmt... und das herrliche Fell des Tieres befleckt.“

Dieser Ausspruch stammt nicht etwa von einem geistig verwirrten Insassen einer psychiatrischen Heilanstalt, sondern von einem Jäger - nicht von irgendeinem Jäger, sondern von José Ortega Y Gasset, dem wohl renommiertesten Jagdphilosophen überhaupt. Freude und Lust am Töten, am Beutemachen, sind Inhalte, die in praktisch jedem Jagdbericht, jeder Erzählung heute wie früher zentrale Bedeutung haben. Wenn es jedoch um Diskussionen mit Nichtjägern geht, werden diese Triebfedern zur Verfolgung freilebender Tiere rasch unter den Teppich gekehrt. Mit Phrasen wie „Jagd ist angewandter Naturschutz“ wird dann versucht, triebhaftes Handeln zu rationalisieren und das Töten von Tieren als etwas Notwendiges, Unverzichtbares darzustellen.

In Deutschland kommen jedes Jahr fünf bis sechs Millionen Wildtiere, ob Hirsch oder Kaninchen, ob Fuchs oder Marder, durch jägerische Flinten und Fallen zu Tode. Jagd ist in vielerlei Hinsicht ein tiefschürfender, oft zerstörerischer Eingriff in die Natur: Durch Winterfütterungen, Biotopmanipulationen, durch das Aussetzen von Tieren einzig und allein zu Jagdzwecken sowie durch die gezielte Bevorzugung besonders prächtiger Trophäenträger wird das natürliche Gleichgewicht vorsätzlich demontiert.

Nein, Jagd ist keinesfalls „ökologisch notwendig“, wie die Jagdlobby zur Rechtfertigung ihres Tuns immer wieder argumentiert. Eine solche These ist wissenschaftlich nicht haltbar und stellt allzu offensichtlich nur ein Feigenblatt dar, hinter dem sich ganz andere Motive für die Jägerei verstecken. Es gibt zahllose Studien, die die Selbstregulationsfähigkeit der Natur auch in unserem vom Menschen dominierten Kulturland eindrucksvoll belegen.

Von derlei Gutachten wollen die allermeisten Jäger jedoch nichts hören - kaum verwunderlich, wenn man sich deutlich macht, dass diese wohl früher oder später die Abschaffung jägerischer Triebbefriedigung mit ökologischen Nebeneffekten zur Folge haben werden. Die Biologie der Jäger ist simpel - sie folgt dem Ziel, möglichst prächtige Trophäen und hohe Abschusszahlen zu erreichen. Man schießt sich kurzerhand die Natur nach Nützlichkeitsprinzipien zurecht - und darunter haben insbesondere jene Tiere zu leiden, die zum Jäger in Beutekonkurrenz treten. Vor allem gegen den Fuchs richteten und richten sich beispiellose Hetzkampagnen, und wir haben es nur der Anpassungsfähigkeit und Intelligenz Reinekes zu verdanken, dass dieses schöne Wildtier noch nicht – wie zuvor Luchs und Wolf – großflächig ausgerottet wurde. Als Niederwildschädling und Krankheitsüberträger diffamiert, gewährt das Deutsche Jagdgesetz ihm nicht einmal eine Schonzeit; das ganze Jahr über sind Füchse Freiwild.

Wer behauptet, es gäbe „zu viele“ Füchse oder Marder, ignoriert fahrlässig oder vorsätzlich den aktuellen Stand der Wissenschaft. Prädatoren, also Beutegreifer, sind gerade auch in der heutigen Kulturlandschaft wichtig, um durch das Reißen von kranken und schwachen Tieren ihre Beutetiere vor Seuchen und Nahrungsmangel zu schützen. Und über Gebühr können Beutegreifer sich ohnehin nicht vermehren – soziale Regulationsmechanismen sorgen dafür, dass der Bestand stets dem Lebensraum angemessen bleibt. „Geburtenbeschränkung statt Massenelend“ bezeichnete ein bekannter Wissenschaftler diese biologische Tatsache.

Während die einen Tiere erbarmungslos bekämpft werden, päppelt man die anderen – nämlich Reh und Rothirsch – mit Kraftfutter über den Winter. Gelegentlich werden diesem Futter auch Medikamente zur Prophylaxe gegen Krankheiten und Parasiten beigemischt. Das Ziel ist klar: Je mehr Tiere den winterlichen Nahrungsengpass überleben, desto mehr Jagdbeute gibt es in der herbstlichen Jagdsaison – und desto mehr Verbissschäden entstehen an jungen Bäumen, womit man wieder das ideale Argument für die Verfolgung der Tiere in der Hand hat. Ein jägerischer Teufelskreis, unter dem Natur und Tiere zu leiden haben.

Die rhetorisch geschickte, aber inhaltlich absurde Gleichsetzung von Jagd und Naturschutz ist letzten Endes nur eine Alibibehauptung, die dazu dienen soll, die alltäglichen Grausamkeiten, den alltäglichen Wahnsinn der Jagd zu kaschieren. Die gängigen, für jedermann erhältlichen Jagdzeitschriften sind ein Spiegel dieses Tuns: So wird der Anblick eines angeschossenen, auf zerfetzten Hinterläufen verzweifelt rutschenden Hasen beiläufig als „unvermeidbare Erscheinung bei jeder Gesellschaftsjagd“ abgetan. Die Baujagd auf Füchse preist man als „frische und fröhliche Jagdart“ – eine Jagdart, bei der Fuchs und Jagdhund sich oft erbitterte und blutige Kämpfe liefern, Jungsfüchse vor den Augen ihrer Eltern vom Jagdhund zerfleischt werden, Füchse mit zangenähnlichen Folterinstrumenten fixiert und dann getötet werden. Immer wieder wird auch vom besonderen Reiz der Nachsuche, der Verfolgung angeschossener, aber zunächst blutend entkommener Rehe oder Wildschweine, erzählt, und die Verfolgung von Tieren während der Paarungszeit scheint für deutsche Jäger ebenfalls etwas ganz Besonderes zu sein. Selbst die gezielte Verfolgung angeblich „wildernder“ Hunde und Katzen kommt nicht zu kurz – wie der vom Deutschen Jagdschutz-Verband mehrfach ausgezeichnete Jagdautor Behnke herausstellt, muss ihnen „als Geißeln der Wildbahn unbeirrt der Krieg erklärt werden“. Wundert es da, dass Jahr für Jahr mehrere Hunderttausend Katzen und Zehntausende von Hunden von Jägern erschossen werden?

In Anbetracht all dieser Fakten ist es offenkundig, was Jagd für all die Tiere bedeutet, die der Mensch so arrogant und ignorant als "jagdbar" bezeichnet: ständige Angst und ständiger Stress; Jagd zerstört Familiengemeinschaften und Tiergruppen, bringt Schmerz und Tod über freilebende Tiere. Jagd ist kein bewaffneter Naturschutz – im Gegenteil: Gewalt löst keine Probleme, am allerwenigsten ökologische. Wer so vermessen ist, zu glauben, er könne sich die Natur mit Flinte und Falle nach seinem individuellen Wohlgefallen zurechtschießen, folgt naiven, prä-moralischen und anachronistischen Denkstrukturen, die in der modernen Welt nichts mehr zu suchen haben. Was heute gefragt ist, sind kühle Köpfe, keine hitzigen, nervösen Zeigefinger an den Abzügen von Gewehren. Wir brauchen keine egozentrischen Waffenträger, deren nekrophiles Weltverständnis den Genuss der Natur nur durch Töten erlaubt, sondern Verständnis und Achtung für menschliches wie nicht-menschliches Leben.

In anderen Ländern wurden die ersten Konsequenzen aus dieser Erkenntnis bereits gezogen: 1999 wurde etwa in den Niederlanden das „Flora- und Faunawet“ verabschiedet, ein neues Naturschutzgesetz, dass die meisten Tierarten ganzjährig unter Schutz stellt. Füchse, Marder, nahezu alle Vogelarten, und auch Rehe und Hirsche dürfen dort mit Inkrafttreten der neuen Gesetzgebung nicht mehr gejagt werden. In einigen Kantonen der Schweiz wurde die Jagd sogar vollständig abgeschafft – mit überaus positiven Folgen für Natur, Tiere und Menschen.

Es wird höchste Zeit, dass die Gesetzgebung auch hierzulande endlich dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand einerseits und dem Willen der Bevölkerungsmehrheit andererseits angepasst wird. Die Abschaffung der Jagd ist eine Frage menschlicher Kultur, unser Verständnis und unsere Behandlung der Tiere ein Gradmesser unserer Ethik. Oder, um noch einmal den eingangs erwähnten Jagdphilosophen Ortega Y Gasset zu zitieren:

„Fernab davon, eine von der Vernunft gelenkte Verfolgung zu sein, kann man vielmehr sagen, dass die größte Gefahr für das Fortbestehen der Jagd die Vernunft ist.“



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Franz Alt